to whom it may concern

Sehr geehrte Angehörige des weißen Volkes,

hiermit werden Sie dazu aufgefordert, gerne umgehend, das Land Kinja zu verlassen.

Anlass für diese Nachricht ist der aktuelle Haushaltsbericht der Bundesrepublik Kinja, der kommende Woche veröffentlicht wird. Diesem ist zu entnehmen, dass die Wirtschaft des Landes, mit Anbruch dieses Jahres, nicht länger auf weißen Tourismus angewiesen ist.

Sie kommen hierher für einen Urlaub am Strand. Mit Tauchen und BigFive und ein bisschen Nervenkitzel, weil der Preis hat überzeugt, aber die Nacht nach der Buchung war doch etwas unruhig. So kommen Sie nach Kenia und benehmen sich, als wäre Kolonialgeschichte kein bedeutender Teil Ihrer Bildung und als stünde Rassismus nicht im Lehrplan. Im Gegenteil ist Rassismus in Ihrer Sprache verankert und in Ihrem Denken. Weil Sie in einer rassistischen Gesellschaft aufgewachsen sind und daher rassistisch handeln.

Und Sie können so wenig nur dafür. Vermutlich haben Sie es an dieser Stelle erst erfahren. Natürlich baut Ihr für die zehntägige all-inclusive Reise allzeit bereitstehender Reisebegleiter David, der sich mit Ihnen zu großem Erstaunen in Ihrer Muttersprache verständigt, Vorurteile ab. Er ist ein Freund geworden. Und wenn er monatelangen Behördengängen trotzt würde er Ihrer ungelenken Einladung nachkommen, Sie doch auch einmal zu besuchen. Ungelenk, weil Ihnen auf halber Strecke der Artikel über den mutigen Kenianer einfällt, der es wagte, einen Antrag auf ein Touristenvisum für den Schengenraum zu beantragen. Und überhaupt, einen Afrikaner zu sich nach Hause einladen, ist das nicht etwas merkwürdig? Es können ja nicht alle kommen und es ist ja doch auch recht viel Unrecht passiert und Onkel Toms Hütte hat mich damals schon sehr bewegt, aber die Reparationszahlungen, die Afrika zuletzt gefordert hat, da war ich doch auch froh, dass das abgewiegelt wurde und ich habe auch keine Vorurteile gegen Schwarze, aber in meinem Alltag habe ich doch recht wenig mit Ihnen zu tun und mir ist die Hautfarbe von Menschen auch wirklich egal, solange sie keine Moslems sind. Das alles ist Ihnen sehr unangenehm.

So haben Sie also Ihren Vorschlag des Gegenbesuchs, zur Hälfte nur und gegen Ende hin ein wenig zögerlich, vorgebracht.

Schweigen.

Sie schweigen, weil Sie plötzlich das Machtgefälle sehen, das zwischen Ihnen und David liegt. Die Macht, die David nicht hat. Die Macht, die David dazu zwingt, ein Urlaubssemester alleine dafür zu nutzen, um einen Urlaub nach Europa zu planen.

Sie schweigen, weil Sie dieses Machtgefälle zum ersten Mal in Ihrem Leben sehen und deshalb keine Worte für dieses Gespräch haben.

Sie schweigen, weil Sie plötzlich eine Ahnung haben von dem Gefühl von Erniedrigung und Minderwertigkeit, das Davids Selbstbewusstsein zermürbt.

Sie schweigen, weil Sie Angst haben, dass was auch immer zu diesem Thema aus Ihrem Mund kommt – unangebracht ist. unpassend. verletzend.

Sie könnten sagen: Es tut mir leid, ich habe mir in meinem Leben noch nie bewusst gemacht welche Privilegien ich genieße und was das gleichzeitig für die bedeutet, die diese Privilegien nicht haben.

Oder: Es tut mir leid, meine Hautfarbe ist verschieden von deiner Hautfarbe und das ist der Grund dafür, dass ich es einfacher habe in unserer Gesellschaft als du.

Oder einfach nur: Es tut mir leid.

David versteht was Sie sagen und David ist dankbar dafür, wenn Sie das sagen. Im Gegensatz zu Ihrer Lebenserfahrung wird David nämlich regelmäßig an seine Hautfarbe erinnert. Und das ist auch mit negativen Gefühlen verknüpft. Mit Anderssein. Primitiv, kriminell, hilfsbedürftig, hungernd, arbeitslos. Im besten Fall der Witzige im Fernsehen.

Naja, und davon gönnen wir uns jetzt eine Pause. Bis denne.

Hinterlasse einen Kommentar